Die Titanenwurz (Amorphophallus titanum)
im Botanischen Garten Bonn 


Amorphophallus titanum in Bonn 1996
Der Fruchtstand 1996 in Bonn


Die Titanenwurz aus Sumatra ist eine der spektakulärsten Erscheinungen in der Pflanzenwelt und wurde im 19.Jahrhundert von dem florentinischen Botaniker Odoardo Beccari (1843-1920) entdeckt. Er beobachtete während einer Expedition im Atjer Mantior am 6. August 1878 Blätter und eine fruchtende Pflanze und am 5. September des gleichen Jahres ein blühendes Exemplar. Beccari schickte einige Knollen und Samen nach Florenz. Die Knollen gingen zugrunde, aber einige wenige Samen keimten aus, und von diesen Sämlingen wurden einige nach Kew gesandt. Dort gelangte eine Pflanze 1889, also 11 Jahre nach ihrer Entdeckung, zum ersten Mal außerhalb ihrer tropischen Heimat zur Blüte. Bereits im November des Entdeckungsjahres gab er seinen außergewöhnlichen Fund u.a. im Gardeners Chronicle bekannt und benannte die Pflanze Conophallus titanum. Arcangeli gab der Art 1879 ihren derzeit gültigen wissenschaftlichen Namen Amorphophallus titanum (Becc.)Becc. ex Arcang.
Amorphophallus-Beschreibung

Beschreibung
Wie auf der Abbildung links dargestellt, besitzt die Pflanze eine unterirdische, bis 75 kg schwere Knolle, aus der ein einzelnes, bis 6 m hohes und beinahe ebenso breites, mehrfach gefiedertes Blatt austreibt. Das Blatt bleibt 9-24 Monate stehen und liefert, bevor es abstirbt, die Nährstoffe für eine neue, größere Knolle. In unregelmäßigen Abständen von mehreren Jahren wächst anstelle eines Laubblattes ein kolossaler, bis über 3 m hoher und 1,50 m breiter Blütenstand. Der Blütenstand stellt im blütenbiologischen Sinne eine Blume dar, und zwar die größte im gesamten Pflanzenreich. Die winzigen männlichen und weiblichen Einzelblüten dieses Blütenstandes sitzen basal an der Blütenstandsachse (Spadix) und werden von einem riesigen Hochblatt (Spatha) umhüllt. Durch ihre Form, ihre dunkle braunpurpurne Farbe und ihren üblen Aasgeruch imitiert die Blume einen verwesenden Tierkadaver und lockt kleine nachtaktive Käfer (Aaskäfer Diamesus spec. und Kurzflügler Creophilus spec.) sowie Bienen an (Hetterscheid 1998). Die Tiere kriechen über das trichterförmige Hochblatt oder die aufrechte Blütenstandsachse in das Innere der Blume hinab, um dort ihre Eier abzulegen. Dabei übertragen sie den Pollen und bestäuben die Pflanzen. Die ausschlüpfenden Larven der Käfer müssen aber verhungern, da sich ihre Elterntiere von der Titanenwurz haben täuschen lassen. Aus diesem Grunde nennt man Blumen, die ihre Bestäuber nicht entlohnen, Täuschblumen. Der Fruchtstand kann ebenfalls bis 2 m hoch werden. Die zweisamigen, ca. 4-6 cm langen Beerenfrüchte sind leuchtendrot gefärbt und werden wahrscheinlich von Nashornvögeln (Buceros spp.) verbreitet (T.M.Everett, Journ.N.Y.Bot.Gard. 1955).

Vorkommen
Die Titanenwurz ist ausschließlich auf der Insel Sumatra (Indonesien) zuhause, wo sie als Unterwuchspflanze in Regenwäldern auf kalkhaltigen Böden zu finden ist. Zur Blüte scheint sie allerdings nur an offenen Stellen, Lichtungen oder entlang der Straßen zu gelangen.

Die Titanenwurz in der Kultur
Exemplare der Titanenwurz sind in botanischen Gärten selten zu finden. Weltweit haben seit der Entdeckung ca. 70 Pflanzen geblüht, und seit dem II. Weltkrieg sind Blühereignisse in Deutschland nur aus Bonn, Hamburg, Leipzig, Mainz, München und dem Frankfurter Palmengarten (hier seit 1992 ca. 20 mal) bekannt geworden. Die Kultur ist sehr schwierig, da die riesige Knolle ausgesprochen empfindlich ist und leicht von Fadenwürmern (Nematoden) befallen wird, die sie dann zerstören. Die meisten Blütenstände wurden von Pflanzen erbracht, deren Knollen direkt aus Indonesien eingeführt wurden, und in der Mehrzahl der Fälle starben die Pflanzen nach der Blüte ab, da die Knollen bereits mit Fadenwürmern befallen ankamen. Professor Kohlenbach in Frankfurt ging einen anderen Weg, er vermehrte die Titanenwurz meristematisch, das bedeutet, daß im Labor aus einzelnen Zellen unter sterilen Bedingungen Pflanzen gezüchtet werden. Er erhielt auf diese Weise 33 Jungpflanzen, die an verschiedene botanische Gärten, u.a. auch nach Bonn, verteilt wurden (Kohlenbach 1998). 1994 blühte hiervon die erste im Botanischen Garten Mainz und sowohl unsere 1996 blühende Pflanze, als auch die von 2000 stammen aus dem Labor von Professor Kohlenbach.
Amorphophallus titanum in Bonn 1987

Die Titanenwurz in Bonn
Das Erblühen der Titanenwurz in Bonn hat schon beinahe Tradition: Das diesjährige Ereignis (Juli 2000) ist nach 1937, 1940, 1987, 1996 (2 Exemplare) und 1998 bereits das siebte. Aus diesem Grunde wurde als Emblem für unseren Garten die Titanenwurz ausgewählt. Der Blütenstand von 1987 wurde für zahlreiche unterschiedliche wissenschaftliche Untersuchungen genutzt. Die Ergebnisse wurden von Barthlott & Lobin (1998) veröffentlicht.
Amorphophallus titanum in Bonn 1996

Der Blütenstand von Mai 1996
Besonders faszinierend an den Blütenständen der Titanenwurz ist ihr schnelles Wachstum. 1996 wurden an der Pflanze, die im Mai zur Blüte gelangte, die folgenden Beobachtungen und Messungen getätigt (Ittenbach et al. 1998): Die ca. 32 kg schwere Knolle wurde am 9.2.1996 getopft und am 8.3.1996 zum erstenmal gegossen. Die Knospe war am 22.3.1996 erstmals sichtbar, und die Messungen begannen am 15.4.1996. Zu diesem Zeitpunkt war sie, von der Erdoberfläche gemessen, 40 cm hoch und hatte eine tägliche Zuwachsrate von 7-19 cm. Am 6.5.1996 war von 22 bis 22.30 Uhr zum ersten Mal ein leichter Aasgeruch zu riechen. Am 8.5.1996 begann sich die Spatha um 13 Uhr zu öffnen, und der Blütenstand hatte seine Endhöhe von 233 cm erreicht. Die Spatha öffnete sich innerhalb von 5 Stunden vollständig, und ihr Durchmesser vergrößerte sich in dieser Zeit von 30 auf 136 cm. Am 12.5.1996, gegen 18.30 Uhr, kippte der Blütenstand nach nur vier Tagen um. Mit Öffnung der Spatha am 8.5.1996 kam die Pflanze in der Nacht in die weibliche Phase, d.h. die weiblichen Blüten waren befruchtungsbereit. Der Pollen wurde erst 24 Stunden später, am 9.5.1996, um 18 Uhr ausgeschüttet.

Fruchtstand Bonn 1996: 112 cm, 360 Samen, 293 KeimlingeVon dieser Pflanze entnahmen wir Pollen. Drei Wochen später erblühte eine zweite Titanenwurz mit einem kleineren Blütenstand. Während des Öffnens der Spatha dieser Pflanze erfuhren wir von einem weiteren Exemplar, das ebenfalls zu dieser Zeit im Frankfurter Palmengarten blühte, sich aber bereits in der männlichen Phase befand. Dankenswerterweise bekamen wir vom Palmengarten frischen Pollen, so daß wir unsere Bonner Pflanze sowohl mit frischen Pollen des Frankfurter Exemplars als auch mit den eingefrorenen Pollen unseres drei Wochen früher blühenden Exemplares bestäuben konnten. Interessanterweise hatten sowohl die Herkunft als auch die unterschiedlichen Methoden der Aufbereitung des Pollens keinerlei Einfluß auf die Befruchtung. Der Fruchtstand entwickelte sich hervorragend, wurde 1,12 m hoch und besaß einen Umfang von ca. 60 cm. Die Beeren waren leuchtend rotorange gefärbt und bis 4,9 cm lang. Die reifen Früchte wurden am 10.12.1996 und am 12.2.1997 geerntet und jeweils einen Tag später, also am 11.12.1996 und am 13.2.1997 ausgesät. Insgesamt haben wir 450 Beeren geerntet, von denen ca. 70% zwei Samen enthielten. 210 Beeren haben wir an andere Botanische Gärten abgegeben, u.a. Palmengarten Frankfurt, Botanische Gärten von Berlin, Kunming (China), Leiden, Mainz, Nanking (China) und München, sowie die Royal Botanic Gardens Kew. Die restlichen ca. 360 Samen haben wir ausgesät, von ihnen keimten 293 über den langen Zeitraum vom 31.1. bis 23.5.1997. Insgesamt haben wir weitere über 220 junge Knollen weltweit an 41 verschiedene Gärten, u.a. Smith College, USA, Botanische Gärten von Batumi (Georgien), Bogor (Indonesien), Irkutsk und Tver (Rußland), Orotava (Teneriffa), Peking und Thiruvananthapuran, (Indien) abgegeben. Eine erfolgreiche Nachzucht gelang bisher erst einmal, und zwar 1992 im Palmengarten. Die Pflanze, die 1937 bei uns blühte, wurde mit eigenem, unreifem Pollen bestäubt. Sie entwickelte einen Fruchtstand, dessen Beeren aber keine Samen enthielten (Koernicke 1938). Kürzlich gelang im Botanischen Garten Huntington eine solche Selbstbestäubung. Die Sämlinge wachsen dort gut heran.

Kulturbedingungen
Wir verwenden ein Substrat, das aus 80% dauergedüngter Einheitserde, 10% gewaschenem Sand und 10% feinem Bims besteht. Am Kübelboden befindet sich eine dicke Drainageschicht. Während der Vegetationsphase wird das Substrat gleichmäßig feucht gehalten, es darf nicht zu naß werden, da ansonsten die Gefahr der Fäulnisbildung gegeben ist. Wenn das Blatt abgewelkt ist, wird das Gießen eingestellt. Von März bis Oktober wird 1x wöchentlich, von November bis Februar alle drei Wochen gedüngt und endet, wenn das Blatt sich gelb verfärbt. Die Temperatur sollte maximal 34°C und minimal 24°C nicht über- bzw. unterschreiten. Optimal liegt sie bei 26°C. Die Luftfeuchtigkeit sollte relative 80-85% betragen. Als Standort haben sich sehr warme und feuchte Gewächshäuser bewährt. Die Pflanzen benötigen zum Wachstum viel Licht. Sie müssen hell stehen, sollten aber von April bis September über Mittag schattiert werden, im Winter sollte ihnen so viel Licht wie möglich geboten werden. Die Vegetationsperiode variiert zwischen 9 - 24 Monate, die Ruhezeit (2 bis 4 Monate) ist unregelmäßig, sie beginnt nach dem Abwelken des Blattes, bis der Neuaustrieb an der Knolle sichtbar zu schieben beginnt.

Erfolgreiche Nachzucht der Titanenwurz: Michael Neumann mit seinen SchützlingenWährend der Ruhephase kann ein Pilzbefall zur Fäulnis an der Knolle führen. Die wichtigsten Schädlinge sind Nematoden und Wurzelläuse. Nematoden sind praktisch nicht bekämpfbar, deshalb ist ± steriles Arbeiten wichtig; Wurzelläuse können biologisch mit Hypoaspis (Raubmilben) bekämpft werden; chemisch mit entsprechenden Mitteln. Treten große Faulstellen auf, dann müssen diese bis auf gesundes Gewebe geputzt und die Wunden mit Holzkohlepulver bestreut werden.

Die Vermehrung
Die Samen müssen nach der Fruchtreife komplett vom Fruchtfleisch befreit werden, am besten, solange das Fruchtfleisch noch frisch ist. Anschließend sofort aussäen, bei einer Saattiefe von ca. 5 mm werden die Samen einzeln in 9 cm - Töpfe in oben genannte Erde gepflanzt, jedoch in Sand eingebettet; die Samenlage hat keine Auswirkungen auf das Keimen. Töpfe sehr hell stellen und für eine Temperatur von 26 °C, und zusätzlich eine Bodenwärme von 26 °C sorgen. Gleichmäßig, aber nicht zu feucht halten. Während der Ruhephase muß man, wegen der kleinen Töpfe, gelegentlich gießen, um ein völliges Austrocknen zu verhindern!

Aufgrund ihrer schwierigen Kultur und damit verbundenen relativen Seltenheit, stellt das Blühen der Titanenwurz stets ein besonderes Ereignis dar. Einzelne dieser Blütenstände sind, da sie zu einem günstigen Zeitpunkt passierten, als Medienereignis teilweise rund um die Welt gegangen. Aber regional können viele Besucher in die Botanischen Gärten gelockt werden. So kamen in Bonn zu der Blüte 1987 ca. 10.000 und zur Blüte im Mai 1996 innerhalb von nur einer Woche ca. 20.000. Besucherinnen und Besucher. Diese Zahlen zeigen den hohen Stellenwert, den Botanische Gärten und ihre exotischen Pflanzen genießen.
 

Literatur:
Barthlott, W. & W. Lobin (eds.) 1998: Amorphophallus titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 225 pp.
Hetterscheid, W. (1998): 8. Ecology and reproductive biology. – In: Barthlott, W. & W. Lo-bin, Amorphophallus titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 196-197.
Ittenbach, S., W.Lobin, M.Neumann, S.Porembski & M.Wolter (1998): Wachstum und Temperatur. – In: Barthlott, W. & W.Lobin, Amorphophallus titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99:146-156.
Koernicke, M. (1938): Amorphophallus titanum Becc. – Rep.Spec.Nov.Reg.Veg. Beiheft 51 B: 180-206.
Kohlenbach, H.W. (1998): 9.2. Vegetative Vermehrung durch Gewebekultur. In: Barthlott, W. & W.Lobin, Amorphophallus titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 206-212.


Vergleiche auch:
Barthlott, W. & W. Lobin (eds.) 1998: Amorphophallus titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 225 pp.

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Homepage: www.botanik.uni-bonn.de/botgart
Direktor: Professor Dr.Wilhelm Barthlott
Text: Stephan Ittenbach und Dr.Wolfram Lobin
Photos: Wilhelm Barthlott
Zeichnungen: Dr. Klaus Kramer


Kulturbegleitblatt für Amorphophallus titanum / Culture overview of Amorphophallus titanum

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Stand 30.Mai 2003, URL: http://www.botanik.uni-bonn.de/botgart/amorpho.htm
Wolfram Lobin, Gestaltung: Jens Mutke
© Botanischer Garten Bonn 1996, 2003