Die Titanenwurz (Amorphophallus titanum)
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Beschreibung
Wie auf der
Abbildung
links dargestellt, besitzt die Pflanze eine unterirdische, bis 75 kg
schwere Knolle, aus der ein einzelnes, bis 6 m hohes und beinahe ebenso
breites, mehrfach gefiedertes Blatt austreibt. Das Blatt bleibt 9-24 Monate
stehen und liefert, bevor es abstirbt, die Nährstoffe für eine
neue, größere Knolle. In unregelmäßigen Abständen
von mehreren Jahren wächst anstelle eines Laubblattes ein kolossaler,
bis über 3 m hoher und 1,50 m breiter Blütenstand. Der Blütenstand
stellt im blütenbiologischen Sinne eine Blume dar, und zwar die größte
im gesamten Pflanzenreich. Die winzigen männlichen und weiblichen
Einzelblüten dieses Blütenstandes sitzen basal an der Blütenstandsachse
(Spadix) und werden von einem riesigen Hochblatt (Spatha) umhüllt.
Durch ihre Form, ihre dunkle braunpurpurne Farbe und ihren üblen Aasgeruch
imitiert die Blume einen verwesenden Tierkadaver und lockt kleine nachtaktive
Käfer (Aaskäfer
Diamesus spec. und Kurzflügler Creophilus
spec.)
sowie Bienen an (Hetterscheid 1998). Die Tiere kriechen über das trichterförmige
Hochblatt oder die aufrechte Blütenstandsachse in das Innere der Blume
hinab, um dort ihre Eier abzulegen. Dabei übertragen sie den Pollen
und bestäuben die Pflanzen. Die ausschlüpfenden Larven der Käfer
müssen aber verhungern, da sich ihre Elterntiere von der Titanenwurz
haben täuschen lassen. Aus diesem Grunde nennt man Blumen, die ihre
Bestäuber nicht entlohnen, Täuschblumen. Der Fruchtstand kann
ebenfalls bis 2 m hoch werden. Die zweisamigen, ca. 4-6 cm langen Beerenfrüchte
sind leuchtendrot gefärbt und werden wahrscheinlich von Nashornvögeln
(Buceros spp.) verbreitet (T.M.Everett, Journ.N.Y.Bot.Gard. 1955).
Vorkommen
Die Titanenwurz
ist ausschließlich auf der Insel Sumatra (Indonesien) zuhause, wo
sie als Unterwuchspflanze in Regenwäldern auf kalkhaltigen Böden
zu finden ist. Zur Blüte scheint sie allerdings nur an offenen Stellen,
Lichtungen oder entlang der Straßen zu gelangen.
Die Titanenwurz in der Kultur
Exemplare
der Titanenwurz sind in botanischen Gärten selten zu finden. Weltweit
haben seit der Entdeckung ca. 70 Pflanzen geblüht, und seit dem II.
Weltkrieg sind Blühereignisse in Deutschland nur aus Bonn, Hamburg,
Leipzig, Mainz, München und dem Frankfurter Palmengarten (hier seit
1992 ca. 20 mal) bekannt geworden. Die Kultur ist sehr schwierig, da die
riesige Knolle ausgesprochen empfindlich ist und leicht von Fadenwürmern
(Nematoden) befallen wird, die sie dann zerstören. Die meisten Blütenstände
wurden von Pflanzen erbracht, deren Knollen direkt aus Indonesien eingeführt
wurden, und in der Mehrzahl der Fälle starben die Pflanzen nach der
Blüte ab, da die Knollen bereits mit Fadenwürmern befallen ankamen.
Professor Kohlenbach in Frankfurt ging einen anderen Weg, er vermehrte
die Titanenwurz meristematisch, das bedeutet, daß im Labor aus einzelnen
Zellen unter sterilen Bedingungen Pflanzen gezüchtet werden. Er erhielt
auf diese Weise 33 Jungpflanzen, die an verschiedene botanische Gärten,
u.a. auch nach Bonn, verteilt wurden (Kohlenbach 1998). 1994 blühte
hiervon die erste im Botanischen Garten Mainz und sowohl unsere 1996 blühende
Pflanze, als auch die von 2000 stammen aus dem Labor von Professor Kohlenbach.
Die Titanenwurz in Bonn
Das
Erblühen der Titanenwurz in Bonn hat schon beinahe Tradition: Das
diesjährige Ereignis (Juli 2000) ist nach 1937, 1940, 1987, 1996 (2
Exemplare) und 1998 bereits das siebte. Aus diesem Grunde wurde als Emblem
für unseren Garten die Titanenwurz ausgewählt. Der Blütenstand
von 1987 wurde für zahlreiche unterschiedliche wissenschaftliche Untersuchungen
genutzt. Die Ergebnisse wurden von Barthlott & Lobin (1998) veröffentlicht.
Der Blütenstand von Mai
1996
Besonders
faszinierend an den Blütenständen der Titanenwurz ist ihr schnelles
Wachstum. 1996 wurden an der Pflanze, die im Mai zur Blüte gelangte,
die folgenden Beobachtungen und Messungen getätigt (Ittenbach et al.
1998): Die ca. 32 kg schwere Knolle wurde am 9.2.1996 getopft und am 8.3.1996
zum erstenmal gegossen. Die Knospe war am 22.3.1996 erstmals sichtbar,
und die Messungen begannen am 15.4.1996. Zu diesem Zeitpunkt war sie, von
der Erdoberfläche gemessen, 40 cm hoch und hatte eine tägliche
Zuwachsrate von 7-19 cm. Am 6.5.1996 war von 22 bis 22.30 Uhr zum ersten
Mal ein leichter Aasgeruch zu riechen. Am 8.5.1996 begann sich die Spatha
um 13 Uhr zu öffnen, und der Blütenstand hatte seine Endhöhe
von 233 cm erreicht. Die Spatha öffnete sich innerhalb von 5 Stunden
vollständig, und ihr Durchmesser vergrößerte sich in dieser
Zeit von 30 auf 136 cm. Am 12.5.1996, gegen 18.30 Uhr, kippte der Blütenstand
nach nur vier Tagen um. Mit Öffnung der Spatha am 8.5.1996 kam die
Pflanze in der Nacht in die weibliche Phase, d.h. die weiblichen Blüten
waren befruchtungsbereit. Der Pollen wurde erst 24 Stunden später,
am 9.5.1996, um 18 Uhr ausgeschüttet.
Von
dieser Pflanze entnahmen wir Pollen. Drei Wochen später erblühte
eine zweite Titanenwurz mit einem kleineren Blütenstand. Während
des Öffnens der Spatha dieser Pflanze erfuhren wir von einem weiteren
Exemplar, das ebenfalls zu dieser Zeit im Frankfurter Palmengarten blühte,
sich aber bereits in der männlichen Phase befand. Dankenswerterweise
bekamen wir vom Palmengarten frischen Pollen, so daß wir unsere Bonner
Pflanze sowohl mit frischen Pollen des Frankfurter Exemplars als auch mit
den eingefrorenen Pollen unseres drei Wochen früher blühenden
Exemplares bestäuben konnten. Interessanterweise hatten sowohl die
Herkunft als auch die unterschiedlichen Methoden der Aufbereitung des Pollens
keinerlei Einfluß auf die Befruchtung. Der Fruchtstand entwickelte
sich hervorragend, wurde 1,12 m hoch und besaß einen Umfang von ca.
60 cm. Die Beeren waren leuchtend rotorange gefärbt und bis 4,9 cm
lang. Die reifen Früchte wurden am 10.12.1996 und am 12.2.1997 geerntet
und jeweils einen Tag später, also am 11.12.1996 und am 13.2.1997
ausgesät. Insgesamt haben wir 450 Beeren geerntet, von denen ca. 70%
zwei Samen enthielten. 210 Beeren haben wir an andere Botanische Gärten
abgegeben, u.a. Palmengarten Frankfurt, Botanische Gärten von Berlin,
Kunming (China), Leiden, Mainz, Nanking (China) und München, sowie
die Royal Botanic Gardens Kew. Die restlichen ca. 360 Samen haben wir ausgesät,
von ihnen keimten 293 über den langen Zeitraum vom 31.1. bis 23.5.1997.
Insgesamt haben wir weitere über 220 junge Knollen weltweit an 41
verschiedene Gärten, u.a. Smith College, USA, Botanische Gärten
von Batumi (Georgien), Bogor (Indonesien), Irkutsk und Tver (Rußland),
Orotava (Teneriffa), Peking und Thiruvananthapuran, (Indien) abgegeben.
Eine erfolgreiche Nachzucht gelang bisher erst einmal, und zwar 1992 im
Palmengarten. Die Pflanze, die 1937 bei uns blühte, wurde mit eigenem,
unreifem Pollen bestäubt. Sie entwickelte einen Fruchtstand, dessen
Beeren aber keine Samen enthielten (Koernicke 1938). Kürzlich gelang
im Botanischen Garten Huntington eine solche Selbstbestäubung. Die
Sämlinge wachsen dort gut heran.
Kulturbedingungen
Wir verwenden
ein Substrat, das aus 80% dauergedüngter Einheitserde, 10% gewaschenem
Sand und 10% feinem Bims besteht. Am Kübelboden befindet sich eine
dicke Drainageschicht. Während der Vegetationsphase wird das Substrat
gleichmäßig feucht gehalten, es darf nicht zu naß werden,
da ansonsten die Gefahr der Fäulnisbildung gegeben ist. Wenn das Blatt
abgewelkt ist, wird das Gießen eingestellt. Von März bis Oktober
wird 1x wöchentlich, von November bis Februar alle drei Wochen gedüngt
und endet, wenn das Blatt sich gelb verfärbt. Die Temperatur sollte
maximal 34°C und minimal 24°C nicht über- bzw. unterschreiten.
Optimal liegt sie bei 26°C. Die Luftfeuchtigkeit sollte relative 80-85%
betragen. Als Standort haben sich sehr warme und feuchte Gewächshäuser
bewährt. Die Pflanzen benötigen zum Wachstum viel Licht. Sie
müssen hell stehen, sollten aber von April bis September über
Mittag schattiert werden, im Winter sollte ihnen so viel Licht wie möglich
geboten werden. Die Vegetationsperiode variiert zwischen 9 - 24 Monate,
die Ruhezeit (2 bis 4 Monate) ist unregelmäßig, sie beginnt
nach dem Abwelken des Blattes, bis der Neuaustrieb an der Knolle sichtbar
zu schieben beginnt.
Während
der Ruhephase kann ein Pilzbefall zur Fäulnis an der Knolle führen.
Die wichtigsten Schädlinge sind Nematoden und Wurzelläuse. Nematoden
sind praktisch nicht bekämpfbar, deshalb ist ± steriles Arbeiten
wichtig; Wurzelläuse können biologisch mit Hypoaspis (Raubmilben)
bekämpft werden; chemisch mit entsprechenden Mitteln. Treten große
Faulstellen auf, dann müssen diese bis auf gesundes Gewebe geputzt
und die Wunden mit Holzkohlepulver bestreut werden.
Die Vermehrung
Die
Samen müssen nach der Fruchtreife komplett vom Fruchtfleisch befreit
werden, am besten, solange das Fruchtfleisch noch frisch ist. Anschließend
sofort aussäen, bei einer Saattiefe von ca. 5 mm werden die Samen
einzeln in 9 cm - Töpfe in oben genannte Erde gepflanzt, jedoch in
Sand eingebettet; die Samenlage hat keine Auswirkungen auf das Keimen.
Töpfe sehr hell stellen und für eine Temperatur von 26 °C,
und zusätzlich eine Bodenwärme von 26 °C sorgen. Gleichmäßig,
aber nicht zu feucht halten. Während der Ruhephase muß man,
wegen der kleinen Töpfe, gelegentlich gießen, um ein völliges
Austrocknen zu verhindern!
Aufgrund
ihrer schwierigen Kultur und damit verbundenen relativen Seltenheit, stellt
das Blühen der Titanenwurz stets ein besonderes Ereignis dar. Einzelne
dieser Blütenstände sind, da sie zu einem günstigen Zeitpunkt
passierten, als Medienereignis teilweise rund um die Welt gegangen. Aber
regional können viele Besucher in die Botanischen Gärten gelockt
werden. So kamen in Bonn zu der Blüte 1987 ca. 10.000 und zur Blüte
im Mai 1996 innerhalb von nur einer Woche ca. 20.000. Besucherinnen und
Besucher. Diese Zahlen zeigen den hohen Stellenwert, den Botanische Gärten
und ihre exotischen Pflanzen genießen.
Literatur:
Barthlott, W. & W. Lobin (eds.) 1998: Amorphophallus
titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 225 pp.
Hetterscheid, W. (1998): 8. Ecology and reproductive
biology. – In: Barthlott, W. & W. Lo-bin, Amorphophallus titanum. -
Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 196-197.
Ittenbach, S., W.Lobin, M.Neumann, S.Porembski
& M.Wolter (1998): Wachstum und Temperatur. – In: Barthlott, W. &
W.Lobin, Amorphophallus titanum. - Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt
99:146-156.
Koernicke, M. (1938): Amorphophallus titanum
Becc. – Rep.Spec.Nov.Reg.Veg. Beiheft 51 B: 180-206.
Kohlenbach, H.W. (1998): 9.2. Vegetative Vermehrung
durch Gewebekultur. In: Barthlott, W. & W.Lobin, Amorphophallus titanum.
- Tropische und Subtrop. Pflanzenwelt 99: 206-212.
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Stand
30.Mai 2003, URL: http://www.botanik.uni-bonn.de/botgart/amorpho.htm
Wolfram Lobin,
Gestaltung: Jens Mutke
© Botanischer Garten Bonn 1996, 2003