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Gehölzführer

43) Ginkgo biloba

Herkunft und Beschreibung

Der Ginkgo ist in Europa und Amerika ein häufig kultivierter Baum, die nachfolgenden Informationen wurden teilweise MELZHEIMER (1992) entnommen.

G. biloba ist ein Relikt einer vor etwa 180 Millionen Jahren weit verbreiteten Pflanzengruppe. Nur in einer einzigen Population ist diese Art am Wildstandort in China (Grenzgebiet der Provinzen Chekiang und Anhwei) zu finden. Er wurde in China und Japan etwa ab dem 14. Jahrhundert in Kultur genommen. Nach Europa gelangte er 1727, und zwar in den Botanischen Garten Utrecht, wo heute noch ein Exemplar aus dieser Zeit zu bewundern ist. Ein 189jähriger Ginkgo stand im Schlosspark zu Dyck, wo er 1985 vom Wind umgeworfen wurde, ein ähnlich altes Exemplar findet sich im Botanischen Garten Jena.

Innerhalb der Nacktsamer (= Gymnospermen) nimmt der Ginkgo eine Sonderstellung ein: Er besitzt keine Nadeln, sondern parallel- und gabelnervige Blätter, die Samenanlagen sind von einer Hülle umgeben, und es treten bei der Befruchtung begeißelte Spermatozoide auf, wie sie bei den Höheren Pflanzen ansonsten nur noch bei den Palmfarnen (Cycadeen) zu finden sind.

Aufgrund seiner Resistenz gegen Umwelteinflüsse und wegen der wunderschönen gelben Herbstfärbung ist der Ginkgo sehr häufig in Europa zu finden. Er kann bis 35 Meter hoch werden und sein Habitus ist sehr vielgestaltig. Seine Blätter verfärben sich im Herbst goldgelb. Die Pflanzen können sehr alt werden, ein Exemplar in Japan (Sendai) soll 1200 Jahre alt sein.

Bei alten Exemplaren bilden sich die sogenannten ChiChi (japanisch Mutterbrust), streng positiv geotropisch (nach unten weisend) wachsende Sprossauswüchse, die, wenn sie die Erde erreichen, Wurzeln ausbilden und zu Seitentrieben werden, ähnlich wie bei Arten der Gattung Ficus (Gummibäume). Durch die Form der ChiChi gilt der Ginkgo bei Japanerinnen als ein Symbol für eine reiche Nachkommenschaft und ein gutes Stillvermögen.

Die "Früchte", es handelt sich aber in Wirklichkeit um die Samen, erinnern an Mirabellen, die mit einem silbrigen Wachsüberzug versehen sind. Die die Samenanlagen umhüllenden Schichten sind in eine weiche harzig-fleischige äußere Sarcotesta und eine holzige innere Sclerotesta umgewandelt. Sie umgeben einen circa 2 Zentimeter langen, dreikantigen Steinkern, der die Samenanlage umhüllt. Die Sarcotesta enthält reichlich Buttersäure und stinkt dementsprechend. Die Samenanlagen lassen sich aus dem Steinkern entfernen und sind geröstet in Ost-Asien eine Delikatesse, ähnlich wie bei uns Pistazien.

Ginkgo und Goethe

Berühmt wurde der Ginkgo auch durch Johann Wolfgang von Goethe, der in seinen wissenschaftlichen und dichterischen Werken, aber auch in seinen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen eine kaum überschaubare Fülle verschiedener Pflanzen erwähnt oder näher beschrieben hat. An zentraler Stelle seines Interesses steht in den Jahren um 1815 der Ginkgo. Damals besuchte er einige Gärten und Parkanlagen, in denen Ginkgos zu sehen waren, z.B. den Park des Heidelberger Schlosses. Besonders faszinierte ihn das Blatt des Ginkgo, von dem eine, wenngleich wenig gelungene, Zeichnung aus seiner Hand noch existiert.

Sulpiz Boisserée, der sich zusammen mit seinem Bruder Melchior für die Vollendung des Kölner Domes einsetzte und dessen Tagebücher für die Goetheforschung von Bedeutung sind, schreibt für den 18.9.1815:

Heitrer Abend. G(oethe) hatte der Wilemer ein Blatt der Ginkho biloba als Sinnbild der Freundschaft geschikt. Man weiß nicht, ob es eins das sich in 2 theilt, oder zwey, die sich in eines verbinden.

Goethe jedenfalls inspirierte das Blatt zu seinem berühmten Gedicht:

Dieses Baums Blatt, der vom Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten
Wie's den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
daß ich eins und doppelt bin?

Dieses widmete er Marianne von Willemer aus Frankfurt, mit der sich in dieser Zeit ein intensiver Austausch entwickelte, der bis zu seinem Tode weitergeführt wurde. So fanden neben Goethes "Ginkgo biloba" auch Gedichte aus Mariannes Feder Eingang in das Buch "Suleika" der berühmten Gedichtsammlung "West-östlicher Divan". Goethe war dem Botanischen Garten Bonn durch die Person des ersten Direktors, Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck, verbunden. Nees benannte ein Malvengewächs, Goethea cauliflora, zu Ehren des Dichterfürsten.

Unser Ginkgo

Berühmt ist unser Exemplar (01894) in ArGin.

Es wurde circa 1870 gepflanzt und fruchtete 1904 zum ersten Mal (BOERNER 1951/52). Es ist in 1 m Höhe zweistämmig, und die beiden Stämme haben einen Umfang von 132 bzw. 192 cm. An der Basis der Pflanze beträgt der Umfang 316 cm. Die eigentliche Verzweigung der Äste beginnt in 184 cm Höhe. Die Pflanze hat eine Gesamthöhe von 13,6 m. Auf eine ursprünglich männliche Pflanze wurden einige weibliche Zweige aufgepfropft, wobei der natürliche, geradlinige Wuchs dieser Art verlorenging. Die Äste sind breitausladend, wodurch die Krone einen Durchmesser von circa 15 m hat und die einzelnen Äste von einem Eisengerüst getragen werden müssen.

Diese Art der Veredelung wurde im 19. Jahrhundert oft ausgeübt, als die Art noch generell selten in Parks und Gartenanlagen zu finden war und man auf diese Weise nur ein Individuum dieses zweihäusigen Baumes benötigte, um Samen zu erzeugen. Mit dem zunehmend häufigeren Auftreten des Ginkgo in Kultur verlor sich die Notwendigkeit, ihn auf diese Art und Weise zu vermehren.

Bei KRÜSSMANN (1972: 132) wird dieses Exemplar als 'Pendula' angegeben, und es sollen ähnlich geformte Bäume noch in den Botanischen Gärten Nancy und Prag existieren.

Der wissenschaftliche Name

Der Name leitet sich ab von dem japanischen Yin-kuo, was soviel wie silbrige Frucht oder Silberaprikose bedeutet. Die korrekte Schreibweise des wissenschaftlichen Namens wurde immer wieder diskutiert: Auch wenn im Namen ein Schreibfehler von Linné enthalten ist, so muss aus Gründen der Prioritätsregeln die Schreibweise Ginkgo und nicht Gingko beibehalten werden

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