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Botanische Gärten der Universität Bonn - Telefon: 49-(0)228-735523 - Telefax: 49-(0) 228-739058 - botgart[at]uni-bonn.de

Baumkontrolle und Verkehrssicherungspflicht in Botanischen Gärten
Umsetzung in den Botanischen Gärten der Universität Bonn

Einleitung

Bäume, insbesondere ältere und majestätische Bäume sind für eine Parkanlage, wie in einem Botanischen Garten, charakterbestimmend. Große und schöne Bäume bestimmen den Wert eines Parks. Dennoch gehen von Bäumen auch Gefahren durch plötzlichen Astbruch oder Umsturz aus. Leider kommt es hier neben Verletzungen von Menschen, zu nicht unerheblichen Sachschäden an Gebäuden oder geparkten Autos. Durch die Öffnung für den Besucherverkehr in Parks oder Botanischen Gärten wird der Betreiber für die Verkehrssicherungspflicht verantwortlich. Oftmals führt aber die Überbewertung von Schadsymptomen (z.B. Fruchtkörper von Pilzen) zu nicht notwendigen Fällungen. Aber auch zunächst nicht offensichtliche Schäden (z.B. Risse oder Torsionen) können, wenn sie nicht richtig beurteilt werden, zu Personen und Sachschäden führen.

Die regelmäßige Inspektion von Bäumen wird schon seit langer Zeit von erfahrenen und verantwortungsvollen Arboretumsgärtnern in Botanischen Gärten durchgeführt. Verschärftes Sicherheitsbewusstsein und aktuelle Rechtsprechung haben zu Unklarheiten innerhalb der Gemeinschaft Botanischer Gärten geführt, wie und wann die Baumkontrollen durchzuführen sind.

Bereits während der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der technischen Leiter (AGTL) im Jahre 2008 in Bonn führte die Kollegin Sabine Hohmann (Botanischer Garten Würzburg) einen entsprechenden Workshop zum Thema Baumsicherheit und Baumkontrolle durch. Aufbauend auf den Ergebnissen des Workshops soll der folgende Aufsatz Hinweise und praktische Anleitungen für die Baumkontrolle in Botanischen Gärten aufzeigen.

Der rote Faden

Wie oft und in welcher Intensität Baumkontrollen durchzuführen sind, lässt sich generell nicht beantworten. Ihre Häufigkeit und ihr Umfang sind vom Alter und Zustand des Baumes sowie von seinem Standort abhängig (Breloer 2003). Die Art der Baumkontrollen wie auch ihre Häufigkeit und die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen sind je nach Baum und Standort an folgenden grundsätzlichen Kriterien zu messen:

  1. Zustand des Baumes
  2. Standort des Baumes
  3. Art des Verkehrs
  4. Verkehrserwartung
  5. Zumutbarkeit der erforderlichen Maßnahmen
  6. Status der Verkehrssicherheitspflichtigen

Es gibt nach aktueller Rechtsprechung in Deutschland keine Stelle, an der eindeutig die Baumkontrolle definiert wird. Über die Jahre hinweg hat sich die Rechtsprechung entwickelt und der o.g. Rote Faden wird laut BGH-Urteil vom 2. Juli 2004 als durchführbare Methode angesehen.

Wichtig ist, dass der Bundesgerichtshof den aktuellen Zeitabstand der Kontrollintervalle nicht genau definiert, sondern Einzelfallentscheidungen trifft.

Bisher wird vielfach die gängige Praxis in Botanischen Gärten oder Parkanlagen verfolgt, einmal im belaubten und einmal im unbelaubten Zustand zu kontrollieren. Dies ist sicherlich eine pragmatische Vorgehensweise, wohl aber gesetzlich nicht verpflichtend. Stets geht es bei der Fragestellung der Baumkontrolle darum, inwieweit der Verkehrssicherungspflichtige im Falle eines Schadens grob fahrlässig gehandelt hat. Ungewöhnliche Witterungsverhältnisse und andere äußerliche Einwirkungen müssen nicht unbedingt von den Baumkontrolleuren berücksichtigt werden. Es kann nicht erwartet werden, dass jedwede Unwägbarkeit im Zusammenhang mit den Bäumen von vornherein festgestellt wird. Eine Vorgehensweise, die viele Details aus diesem Grunde berücksichtigt, findet sich in der FLL-Richtlinie (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. Bonn) aus dem Jahre 2004. Aus dem Gremienkreis der FLL hat sich eine entsprechende Handlungsanleitung für die Baumkontrolle im öffentlichen Grün ergeben.

Der überwiegende Teil der Baumkontrollen erfolgt im öffentlichen Grün oder Straßenbaubereich, wo recht gute Erfahrungswerte einzelner Gehölzarten vorliegen. In botanischen Sammlungen mit oftmals ausgefallenen Gehölzen kann man nicht unbedingt auf solche Erfahrungswerte zurückgreifen. Dies erschwert die Baumkontrolle zunächst. Der Kontrolleur muss in (s)einem Botanischen Garten über die Eigenschaften der Parkbäume, insbesondere der Altbäume und über deren Bruch- sowie Standeigenschaften Bescheid wissen.

Umsetzung in Bonn

Die Vorgehensweise bei der Baumkontrolle ist durch den Roten Faden grundsätzlich recht logisch geregelt: allerdings wird es aufwändig, wenn es um die Durchführung und vor allem um die Dokumentation geht. Aufgrund dieser Komplexität wurde von der Leitung der Universität in Bonn entschieden, zwei Mitarbeiter der Botanischen Gärten bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen zu zertifizierten Baumkontrolleuren auszubilden.

Es gibt mittlerweile verschiedene Seminare und Lehrgänge auf dem deutschen Bildungsmarkt, die sich mit Baumkontrolle beschäftigen. Es gibt aber keinen festgelegten Lehrplan, geschweige denn ein definiertes „Berufsbild“. Wohl aber wird in den meisten Ausbildungslehrgängen die FLL-Richtliche „Baumkontrolle“ aus dem Jahre 2004 als Lehrgangsgrundlage verwendet. Aufgrund des ungeregelten „Marktes“ ist es auch verständlich, dass Dauer, Umfang und letzten Endes auch Kosten der Ausbildung zum Baumkontrolleur von Anbieter zu Anbieter erheblich variieren.

In Bonn hat man sich für die Ausbildung zum LWK-Zertifizierten Baumkontrolleur entschieden: Die in Modulform durchgeführte Ausbildung bei der Landwirtschafskammer Nordrhein-Westfalen dauert 10 Tage und beinhaltet die 4 Module:

  1. Schritte einer fachgerechten Baumkontrolle
  2. Rechtliche Aspekte (Der Rote Faden)
  3. Maßnahmen zur Herstellung der Verkehrssicherheit
  4. Bedeutung von Schadsymptomen für die Verkehrssicherheit

Die Ausbildung bei der Landwirtschaftskammer in Münster und beim Baumzentrum in Tecklenburg endet mit einer praktischen und theoretischen Prüfung, sowie einem Pflanzenbestimmungstest. Das Zertifikat ist fünf Jahre gültig.

Das kritische Überdenken der Baumkontrolle und Verkehrssicherungspflicht in den Botanischen Gärten in Bonn hatte konkrete Auswirkungen: die Kontrollhäufigkeit wurde geändert und die Dokumentation verbessert.

Zusätzlich wurde als Vorsichtsmaßnahme das Schließen der Botanischen Gärten für den Besucherverkehr angeordnet, sobald eine vom Deutschen Wetterdienst gemeldete Sturmwarnung über Windstärke 7 ausgesprochen wird.

Häufigkeit der Kontrollen:

Bisher wurden in Bonn die Parkgehölze zweimal im Jahr bewertet; einmal im belaubten, einmal im unbelaubten Zustand. Nun wird für jeden Baum ab dem dritten Standjahr festgelegt, wie die Häufigkeit der Kontrolle zu erfolgen hat. So ergibt es sich, dass bestimmte Gehölze, vor allem die jüngeren Bäume, alle fünf Jahre begangen werden müssen. Bei älteren Gehölzen kann das Kontrollintervall auf sechs Monate verkürzt werden. Bei jeder Baumkontrolle wird erneut festgelegt, wann die nächste stattfinden wird: wenn bestimmte Schad- oder Krankheitssymptome sich bemerkbar machen, wird öfter kontrolliert. Mit der Zeit erstellt man für jeden Baum eine Art „Patientenakte“, in deren Verlauf Erkrankungen und die Behandlungen dokumentiert sind.

Dokumentation:

Im Falle eines Schadens ist der Betreiber der Botanischen Gärten im Zuge der umgekehrten Beweislast nachweispflichtig, dass er sämtliche ihm zumutbaren Schritte eingeleitet hat, damit es nicht zu einer Schädigung kommt. Wenn die Dokumentation seiner Kontrollen und damit verbundenen Entscheidungen lückenlos nachzuvollziehen ist, kann ihm im Zweifelsfall keine grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen werden. Nach dieser Logik ist eine saubere Dokumentation der Baumkontrollen zwingend erforderlich. Es gibt keine Vorgaben, wie die Dokumentation der Kontrollen und Maßnahmen zu erfolgen hat. Die Aufbewahrung von Begehungsprotokollen in Aktenordnern und Arbeitsnachweisen z.B. von Baumfachfirmen ist sicherlich ausreichend. Bei umfangreichen Baumsammlungen würde man sich aber von Anfang an entsprechender Datenbanksysteme bedienen. Auf dem Softwaremarkt gibt es verschiedene Softwarepakete, die es zusammen mit einem Baumkataster ermöglichen, eine lückenlose Dokumentation der Baumbegehungen durchzuführen.

Baumkontrollmodul im Programm Hortus

Ähnlich wie in anderen Botanischen Gärten haben die Botanischen Gärten in Bonn eine eigene Pflanzendatenbank namens Hortus. Die auf MS-Access basierende Software wurde durch ein auf botanische Gärten speziell abgestimmtes Zusatzmodul „Baumkontrolle“ ergänzt. Dadurch ist es nicht mehr nötig, eine eigene Katastersoftware zu installieren, da eine direkte Anbindung an die Gartendatenbank gegeben ist. Darin werden sämtliche Informationen über den zu kontrollierenden Baum eingegeben.

Die sorgfältige Erstbestandsaufnahme ist aufwändig. Die Anbindung an das existierende Datenbankprogramm erleichtert die Erstaufnahme allerdings; dies spricht für die Anbindung an die Pflanzendatenbank und gegen ein separates Baumkatasterprogramm.

Entscheidend ist bei der Dokumentation der lückenlose Kontrollverlauf der Gehölzkontrolle. Diese beginnt bei der Ersterfassung, geht über in die in Intervallen stattfindenden Regelkontrollen bis hin zu der lückenlosen Verfolgung von diagnostizierten Schäden und notwendig gewordenen Maßnahmen an den Gehölzen. Es ist möglich neben der Archivierung der elektronischen Kontrollbögen auch Bilder zu jedem Gehölz/Schadsymptom zu speichern. Es gibt mit Datum versehene To-Do-Listen und Erinnerungslisten mit Bäumen, die aktuell zu kontrollieren bzw. zu bearbeiten sind.

Die für die Baumkontrolle zuständigen Mitarbeiter der Botanischen Gärten sind herzlich eingeladen, sich das System in Bonn anzusehen und zu bewerten.

Sonstiges Handwerkszeug

Zurzeit läuft die Durchführung der Baumkontrollen noch per Stift und Kontollbogen. Als nächster Schritt steht die Beschaffung eines Außenbereichs-Laptops an. Hiermit kann dann die direkte Erfassung vor Ort im Park erfolgen. Die erhobenen Daten der Begehung können direkt in Hortus per USB-Schnittstelle übertragen werden. Die Software ist so vorbereitet, dass sie synchron die Daten aufnehmen kann.
Trotz der Wichtigkeit der Dokumentation darf aber das Wesentliche, nämlich die Qualität der Kontrolle nicht vernachlässigt werden.
Das Handwerkszeug des Baumkontrolleurs ist einfach und nicht aufwändig: es ist nämlich der geschulte und trainierte Blick. Die Begutachtung des Baumes erfolgt nach einem fest gelegten Ablauf, der sich an dem Roten Faden orientiert. Als Hilfsmittel stehen dem Kontrolleur ein Sondierstab zum Ausmessen von Stammfäulen und ein Hammer zum Abklopfen von vermuteten Höhlungen zur Verfügung. Ferner sollte die Ausrüstung durch ein gutes Fernglas ergänzt werden, um Begutachtungen des Kronenbereiches durchzuführen.


Arbeitsgerät des Baumkontrolleurs: Sondierstab zum Bewerten von Höhlungen, Bodenkratze mit Gürtelholster zum leichten Entfernen von Bodenbelag in Wurzelnähe, Fernrohr zur Bewertung von Kronen, Hammer zum Abklopfen des Stammens bei Verdacht auf Höhlungen, Hufmesser zur Inspektion von Rissen.

 
Zusammenfassung

Die Bewahrung der Verkehrssicherungspflicht in Botanischen Gärten ist eine komplexe und anspruchsvolle Aufgabe. Die Kontrolle und Bewertung der Parkbäume ist durch den Roten Faden (Breloer, 2003), der beim Bundesverfassungsgericht anerkannt ist, geregelt. Der Umgang mit dem Roten Faden erfordert allerdings eine entsprechende Schulung und Übung, die beispielsweise die Landwirtschaftskammer durchführt. Um eine lückenlose Dokumentation der Kontrollen, aber auch der notwendigen Maßnahmen zu erstellen, wurde in Bonn die Pflanzendatenbank Hortus durch das Modul Baumkontrolle erweitert. Es ist passende Hardware notwendig, um im Außenbereich die Dateneinträge durchführen zu können.


Bildschirmausschnitt aus der Eingabemaske des Baumkontrollmoduls im Pflanzendatenbankenprogramm Hortus.

Abschließend kann man sagen, dass eine geordnete Baumkontrolle nicht nur notwendig ist, sondern auch Spaß macht!

Quellen:

  • Breloer, Helge (2003).Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen aus rechtlicher und fachlicher Sicht. 6. Auflage. 11-12. Thalacker Medien.
  • FLL (2004). Richtlinie zur Überprüfung der Verkehrssicherheit von Bäumen Baumkontrollrichtlinie. Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Land-schaftsbau e.V.

Nützliche Homepage zum Thema:

Markus Radscheit (Technischer Leiter) und Stefan Giefer (Gärtnermeister Freiland)
Beide LWK-Zertifizierte Baumkontrolleure


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