Home | Übersicht | Kontakt | Impressum

Botanische Gärten der Universität Bonn - Telefon: 49-(0)228-735523 - Telefax: 49-(0) 228-739058 - botgart[at]uni-bonn.de

Geschichte der botanischen Systematik

Griechen und Römer

Carl von LinnéCarl von Linné, der Begründer der wissenschaftlichen Systematik, Druck aus dem frühen 19. Jahrhundert von einem Gemälde von Gustaf Lundberg um 1750.

Die Entwicklung der Systematik begann als Ähnlichkeitsforschung, seit der Antike wurde vor allem auf Habitusmerkmale, also das äußere Erscheinungsbild, Wert gelegt.

Als Erster widmete sich der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) einer wissenschaftlichen Betrachtung der Pflanzen.

Sein Zeitgenosse Theophrastos (371-287 v. Chr.), der heute als „ Vater der Botanik“ gilt, ordnete die Pflanzen in seiner Historia plantarum nach ihrer Wuchsform in Bäume, Sträucher, Stauden und Kräuter.

Der Arzt Dioskurides (ca. 60 n. Chr.) teilte die Flora nach ihrem Nutzen ein, er beschrieb allein 800 Heilpflanzen.

Auch die Römer beschäftigten sich mit diesem Thema. So verfasste der römische Admiral Plinius der Ältere, der 79 n. Chr. während einer seiner Forschungsreisen beim Ausbruch des Vesuvs in der Nähe von Pompeji ums Leben kam, eine 37 Bände umfassende Naturgeschichte.

Danach standen die Pflanzen über Jahrhunderte hinweg nicht mehr im Interesse der Naturwissenschaft.

Frühe Neuzeit

Erst in der frühen Neuzeit rückten die Pflanzen mit den Kräuterbüchern von Otto Brunfels (1488-1534), Hieronymus Bock (1489-1554) und Leonard Fuchs (1501-1566) wieder in den Blickpunkt der Forschung. Die Hauptkriterien zur Erkennung von Arten waren hier makroskopische Blüten- und Fruchtmerkmale.

Mit der Flut andersartiger Pflanzen, die die Entdecker, Naturforscher und Abenteurer von ihren Reisen mitbrachten, begann das Suchen nach einem allgemeinen Prinzip der Einteilung, welches den wissenschaftlichen Ausstausch erleichtern sollte.

Beginn der Systematik

Der italienische Professor für Medizin und Botanik, Andrea Cesalpino (1519-1603), gilt als Pionier auf diesem Gebiet: Nach klar definierten Kriterien, die auf der aristotelischen Einteilung basierten (Wuchsform, Fruchtbau), entwickelte er ein einheitliches Pflanzensystem, das die natürliche systematische Ordnung der Pflanzen von den „unvollkommenen“ Kryptogamen hin zu den „vollkommenen“ Bäumen widerspiegeln sollte.

1623 beschrieb der humanistische Arzt und Botaniker Gaspard Bauhin (1560-1624) 6.000 Pflanzen, wobei er deren Nomenklatur vereinheitlichte. Die Großgruppen teilte er nach den Unterscheidungsmerkmalen von Theophrastos ein (Früchte, Verwendung, Spross) und sah eine Entwicklung von den Monokotylen zu den „vollkommenen“ Bäumen.

Der Franzose Joseph Pitton de Tournefort (1656-1708) zog hingegen die Blütenhülle zur Einteilung heran, wobei Verwachsungen und die Stellung des Fruchtknotens eine zentrale Rolle spielten.

John Ray (1628-1705, britischer Theologe, Altphilologe und Naturforscher) gründete seine Klassifikation ebenfalls auf Blütenmerkmale. Nach intensiven Embryonalstudien proclamierte er eine klare Trennung zwischen Monokotyledonen und Dikotyledonen, unterschied aber immer noch zwischen Kräutern und Bäumen. 1703 stellte er Regeln auf, die heute noch zu den Grundprinzipien der Systematik gehören.

Die klassische Systematik

Der Schwede Carl von Linné (1707-1778) stellte 1735 in seinem Buch Systema naturae sein System vor, das im Wesentlichen auf Geschlechtsmerkmalen (z.B. Blüten) fußte. Er beschrieb 4.236 Tiere und 8.500 Pflanzen. Er gliederte das Pflanzenreich in 24 Klassen, bei denen er Verteilung, Zahl und Verwachsung der Staub- und Fruchtblätter zur Einteilung heranzog. Da dieses System nicht die Verwandtschaft zwischen den Pflanzen dokumentierte, wurde es als „künstliches“ System bezeichnet. Doch bereits 1738 bemühte Linné sich um eine „natürliche“ Einteilung. Für die einheitliche Benennung legte er in seiner 1753 erschienenen Species plantarum eine binäre Nomenklatur mit substantivischen Gattungs- und adjektivischen Artnamen fest. Dieses Benennungssystem ist auch heute noch gültig. Antoine Laurent de Jussieu (1748-1836) entwickelte eine „natürliche“ Klassifikation mit 15 Klassen nach der Stellung der Staub- und Kronblätter und mit 100 Ordnungen nach Merkmalen von Blüten, Früchten und vegetativen Organen.

Neue Methoden führen zu Weiterentwicklungen

Im 19.Jahrhundert entwickelten sich die Paläobotanik und Arealkunde als Nachbardisziplinen, die zusätzliche Gesichtspunkte mit einbrachten. Die Berücksichtigung anatomischer Merkmale, sowie mikroskopische Untersuchungen kamen als Methoden hinzu.

Die heutige Systematische Einteilung gründet sich vor allem auf Alexander Braun (1805-1877), August Wilhelm Eichler (1839-1887; Professor für Botanik in Berlin), Heinrich Gustav Adolf Engler (1846-1930; Direktor des Botanischen Gartens in Berlin), sowie Richard von Wettstein (1863-1931; Professor für Systematische Botanik in Prag und Wien). Ihre Klassifizierungen gründeten auf der Annahme, dass Ähnlichkeiten innerhalb der Taxa auf gemeinsame Vorfahren zurück zu führen sind; abgeleitete und ursprüngliche Merkmale wurden hierbei unterschieden.

Im 20. Jahrhundert wurden dann zunehmend auch Methoden und Ergebnisse aus der Cytologie, Genetik, Embryologie, Pollenanalytik, Phytochemie und Elektronenmikroskopie für die systematische Forschung herangezogen.

Der britische Botaniker John Hutchinson (1884-1972) war einer der ersten, welcher seiner Taxonomie auch phylogenetische Gesichtspunkte zu Grunde legte (The families of flowering plants, 1926), er sah jedoch noch eine taxonomische Trennung zwischen krautigen und verholzten Pflanzen vor.

Emil Hans Willi Hennig (1913-1976) begründete mit seinem Werk Grundzüge einer Theorie der phylogenetischen Systematik die Kladistik. Er stellte fest, das allein über Homologien und Konvergenzen die Verwandtschaft nicht zu erkennen ist und legte die monophyletische Gruppe, als Zusammenfassung aller von einer gemeinsamen Stammart abstammenden Individuen, fest.

Ein weiteres wichtiges System wurde von Arhur John Cronquist (1919-1992, nordamerikanischer Botaniker) in The Evolution and Classification of Flowering Plants entwickelt, dieses System wurde von Armen Lewonowitsch Takhtajan (1910-2009) in Diversity and Classification of Flowering Plantsüberarbeitet, wobei er viele neue taxonomische Ränge einführte. Als Einblick in die heutige Systematik sind die Lehrbücher von Walter S. Judd (*1951, Prof. für Botanik an der Universität von Florida) und von Vernon H. Heywood hervorzuheben, letzterer zieht in seiner Neuauflage Blütenpflanzen der Welt vor allem auch molekulargenetische Erkenntnisse heran. 1998 wurde von der Angiosperm Phylogeny Group ein modernes System der Pflanzen veröffentlicht, das sogenannte APG-System. Es basiert in der Hauptsache auf molekulargenetischen Daten und gliedert sich in mehrere Großgruppen.

Das APG-System ist nicht abgeschlossen, sondern unterliegt durch die aktuelle internationale Forschung auf diesem Gebiet, einem ständigen Wandel. Auch am NEES-Institut für Biodiversität der Pflanzen beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit diesem Thema. So liegt der neuen Systematischen Abteilung in den Botanischen Gärten Bonn, das 2003 erschienene APG II-System zu Grunde. Mit dem im Oktober 2009 veröffentlichten APG III-System sind wir in der Erkenntnis über die natürlichen Verwandschaftsverhältnisse innerhalb der Blütenpflanzen jedoch bereits wieder einen Schritt weiter.

Text Jasmin Obholzer, Bonn