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Botanische Gärten der Universität Bonn - Telefon: 49-(0)228-735523 - Telefax: 49-(0) 228-739058 - botgart[at]uni-bonn.de

Tertiäre Gehölze

Im Botanischen Garten der Universität Bonn gedeihen im Freiland zahlreiche Gehölze, die vor Jahrmillionen auch im Rheinland heimisch waren, mittlerweile jedoch im gesamten europäischen Raum ausgestorben sind. Die nächsten Verwandten dieser tertiären Bäume und Sträucher sind heute noch in Nordamerika und in Ostasien verbreitet. Diese Großdisjunktionen, d.h. die Verbreitung in mehreren getrennten Teilarealen, zwischen denen heute keine Populationsverbindung besteht, haben sowohl klimatische als auch geologische Ursachen (Kontinentaldrift).

Im großen und ganzen lässt sich in Mitteleuropa für den Zeitraum des Tertiärs (65 bis 2,4 Mill. Jahre vor heute) eine zunehmende Verdrängung der subtropischen immergrünen Gehölze (sog. paläosubtropische bzw. laurophylle Flora) durch sommergrüne Laubmischwälder (sog. arktotertiäre Flora) feststellen. Dieser Prozess war mit globalen Klimaveränderungen verbunden, die allerdings diskontinuierlich mit zahlreichen Schwankungen erfolgten. In klimatisch günstigen Phasen kam es überdies zur Bildung ausgedehnter Kohlenmoore. So stellen auch die rheinischen Braunkohlevorkommen und andere tertiäre Fossillagerstätten in der Umgebung von Bonn für die Paläobotanik wertvolle Archive zur Rekonstruktion der tertiären Floren-, Vegetations- und Klimageschichte dar.

Auf der Karte des Rundweges sehen Sie wichtige Fundpunkte mit tertiärer Flora im Rheinland.

Im Alttertiär (sog. Paläogen, ca. 65 bis 22 Mill. Jahre vor heute) überwog zunächst die paläosubtropische Flora, die sich insbesondere im Eozän (ca. 55 bis 38 Mill. Jahre vor heute) formenreich entfaltete und bereits im jüngeren Tertiär (sog. Neogen, ca. 22 bis 2,4 Mill. Jahre vor heute) in Mitteleuropa Reliktcharakter besaß. Sehr wahrscheinlich darf Europa als ein Primärzentrum dieser laurophyllen Vegetation angesehen werden, die damals in entsprechenden Klimazonen auch in Amerika und Asien weit verbreitet war. Als rezente Vergleichsmodelle können am ehesten die subtropisch-warmgemäßigten Lorbeerwälder Ostasiens, der Kanaren und teilweise auch die Koniferen-Lorbeerwälder Nordamerikas dienen.

Allerdings besitzen diese heutigen Wälder nicht jene Artenvielfalt, wie wir sie aus dem Tertiär kennen. In Europa haben sich aus dieser Zeit nur wenige immergrüne Gehölze mit paläosubtropischer Herkunft bis heute halten können (Buxus, Hedera, Ilex, Laurus, Rhododendron, Smilax). Ein Großteil der tertiären subtropischen Elemente verschwand auf unserem Kontinent bereits vor dem Eiszeitalter, denn am Ende des Tertiärs herrschten bereits kühl-temperate Bedingungen. So ist auch vielfach in unserem Botanischen Garten ein Gedeihen dieser Gehölze im Freiland durch die vorherrschende Klimasituation nicht möglich. Sie müssen im Gewächshaus kultiviert werden.

Folgende Gattungen, die in Europa ausgestorben sind, zählten zu wichtigen Elementen der paläosubtropischen Flora (mit einem Kreuz (+) versehen sind die Arten, die im Freiland gedeihen, mit einem Stern (*) diejenigen, die im Gewächshaus zu finden sind):

  • Alangium (+)
  • Castanopsis
  • Cinnamomum (*)
  • Engelhardia
  • Ficus (*)(+)
  • Mastixia
  • Ocotea (*)
  • Persea (*)
  • Phoenix (*)
  • Sabal (*)
  • Sideroxylon (*)
  • Symplocos (*)
  • Visnea (*)

Darüber hinaus waren sog. Lorbeerwald-Koniferen aus der Familie der Taxodiaceen verbreitet:

  • Arthrotaxis (*)
  • Cryptomeria (+)
  • Cunninghamia (+)
  • Doliostrobus
  • Sciadopitys (+)
  • Sequoia (+)
  • Taiwania (*)

Die neogene Vegetationsentwicklung war gekennzeichnet durch eine zunehmende Bedeutung der von Norden vordringenden sommergrünen Gehölze der arktotertiären Flora, die im jüngsten Tertiär (Pliozän, ca. 5 bis 2,4 Mill. Jahre vor heute) endgültig in Mitteleuropa die Vorherrschaft gewann. Diese Fallaubwälder der temperaten Zone besaßen eine große Vielfalt an Arten (Diversität). Sie umfassten zum einen Gattungen, die auch heute noch in Europa heimisch und daher auch im Botanischen Garten zu finden sind (Acer, Alnus, Betula, Carpinus, Castanea, Corylus, Fagus, Fraxinus, Juglans Ostrya, Populus, Quercus, Salix, Tilia, Ulmus, Zelkova, alle +), zum anderen aber viele Sippen, die nur noch in Ostasien und Nordamerika vorkommen:

  • Ailanthus (+)
  • Ampelopsis
  • Carya (+)
  • Catalpa (+)
  • Comptonia
  • Corylopsis (+)
  • Eucommia (+)
  • Fothergilla (+)
  • Gleditsia (+)
  • Hamamelis (+)
  • Itea
  • Liquidambar (+)
  • Liriodendron (+)
  • Magnolia (+)
  • Morus (+)
  • Nyssa (+)
  • Parrotia (+)
  • Parthenocissus (+)
  • Phellodendron (+)
  • Platanus (+)
  • Pterocarya (+)
  • Rhus (+)
  • Sassafras (+)
  • Staphylea (+)

An Koniferen traten neben unseren heimischen Gattungen (Abies, Larix, Picea, Pinus, alle +) auf:

  • Glyptostrobus (*)
  • Metasequoia (+)
  • Taxodium (+)
  • Tsuga (+)

Im Gegensatz zu Nordamerika und Ostasien hat sich in Europa diese außergewöhnlich artenreiche Gehölzflora der sommergrünen Mischwälder nicht erhalten, denn durch das Eiszeitalter mit seinen zahlreichen Kalt- und Warmzeiten war dieser Raum ungleich stärker von einer Florenverarmung durch Aussterben vieler Sippen betroffen. Unsere Gehölzflora umfasst also nur noch die Gattungen, die es seit dem Tertiär geschafft haben, auch während der Kaltzeiten in wärmeren Refugien Südeuropas zu überdauern.

Es darf vermutet werden, dass ohne Eiszeiten viele arktotertiäre Elemente Bestandteil unserer Flora geblieben wären, denn zahlreiche typische Tertiärgehölze mit heutiger Verbreitung in Nordamerika oder Ostasien lassen sich ohne Probleme im Botanischen Garten kultivieren.

Einen Einblick in die faszinierende Welt der tertiären Pflanzenfossilien können Sie im benachbarten Goldfussmuseum des Paläontologischen Instituts der Universität Bonn gewinnen. Darüber hinaus finden Sie in der Schausammlung des Museums umfangreiches paläobotanisches, aber auch paläozoologisches Material der gesamten Erdgeschichte.

  • Goldfussmuseum des Instituts für Paläontologie
    Nussallee 8
    53115 Bonn
    Öffnungszeiten:
    Montag bis Freitag 9 bis16 Uhr, Sonntag 13 bis -17 Uhr
    Eintritt frei
  • Führungen nach Vereinbarung mit dem Kustos Dr. M. Sander
    (Telefon.: 02 28 - 73 31 05)

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