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Lady Katharina Brandis, geborene Hasse

Katharina BrandisBesucht man den Alten Friedhof in Bonn, so kann man bei einigen Grabstätten verweilen, die den Namen bekannter und berühmter Frauen des neunzehnten Jahrhunderts tragen. Mit ihrer Lebensgeschichte sind wir weitgehend vertraut. Auch Lady Katharina Brandis fand auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhe, ihre Lebensgeschichte aber ist leider weitgehend unbekannt.

Für mich ist Katharina Brandis ebenfalls eine herausragende und bewundernswerte Persönlichkeit, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte.

Leider sind nur wenige schriftliche Dokumente aus ihrem Leben erhalten, aber anhand der Datierung ihrer zahlreichen Aquarelle und Gemälde ist es zusätzlich möglich, Leben und Reisen von Katharina in Europa und Indien zu rekonstruieren:

Bonn, 1841, ein noch nicht einjähriges Mädchen, geboren am 18. Juni, kam mit seinen Eltern von Greifswald nach Bonn an den Rhein. Sein Vater, Professor Rudolf Friedrich Hasse, war einem Ruf an die Theologische Fakultät der Bonner Universität gefolgt. Aus Tagebuchnotizen von Katharinas Mutter lässt sich mancherlei aus dem Alltagsleben der Familie entnehmen, verständlich, dass Käthchen darin immer wieder vorkommt. Behütet wuchs das einzige Kind auf, spielte wie alle Kinder ihren Alters mit den Freundinnen, spazierte mit der Mutter durch die Kornfelder nach Kessenich oder durch die Blumengärten an den Rhein, hatte Privatunterricht bei bekannten Bonner Professoren-Familien und nahm Zeichenunterricht bei dem Universitätszeichenlehrer Nikolaus Christian Hohe. Gerade dieser Unterricht sollte in ihrem späteren Leben von besonderer Bedeutung werden.

1854 bedeutete für Katharina und ihre Mutter einen tiefen Einschnitt im bisherigen Leben. Nach kurzer schwerer Krankheit starb der Vater im Alter von nur 54 Jahren. Dieses Ereignis band Mutter und Tochter sehr eng aneinander. So ist das, was ich jetzt berichten werde, gut nachvollziehbar.

1866 lernte die 25jährige Katharina in Bonn Sir Dietrich Brandis kennen, der von 1865 bis 1867 zu einem Erholungsurlaub in Europa weilte. Dietrich Brandis stand schon seit 1856 als Forst-Botaniker in britischen Diensten, zunächst in Burma, dann in Calcutta und war 1864 durch Queen Viktoria zum ersten Generalforstinspektor der gesamten Indischen Staatsforsten ernannt worden. Er war bereits verwitwet, denn 1862 war seine erste Frau nach 10jähriger Ehe in Indien verstorben. Brandis verliebte sich in die 18 Jahre jüngere Katharina Hasse. Wunderbarerweise sind die 7 Briefe erhalten, in denen Brandis die Mutter Katharinas bittet, Katharina heiraten und mit ihr nach Indien gehen zu dürfen. Trotz immer wieder neuer Angebote, Vorschläge und Versprechungen, die die Entscheidung erleichtern sollten, erhielt er stets eindeutige Absagen der Mutter. Brandis aber gab nicht auf. Aus seinem letzten langen Brief vom 13. Dezember 1866 sei nur folgendes zitiert:

„Liebe Frau Hasse, ich würde nicht so bestimmt werden, wenn ich nicht wüsste, dass, falls Sie es als das Rechte ansähen, Ihnen Kraft und Freudigkeit werden würde, auf die eine oder andere Weise unsere Verbindung möglich zu machen.“

Und weiter:

„So komme ich denn wieder darauf zurück, womit ich diesen Briefwechsel begann, (am 30. November) dass ich zu Ihnen hochverehrte Frau Hasse, das vollste Vertrauen hege. Ich leugne nicht, dass in den Stürmen der verflossenen Wochen dies Vertrauen zu Zeiten erschüttert worden ist, aber jetzt habe ich meine Ruhe und Besonnenheit wiedergewonnen und damit ist meine warme Verehrung für Sie zurückgekehrt.“

Schließlich kommt der entscheidende Satz in dem sehr emotionalen Schreiben:

„Zürnen Sie mir nicht, dass ich noch einmal sage, die Hoffnung, sie (Käthchen) zu besitzen, gebe ich nicht auf, bis ich es nicht von ihr selbst erfahre, dass sie sich nicht entschließen kann, um meinetwillen Europa zu verlassen…“.

In dem Brief vom 19. Dezember, also sechs Tage nach diesem „Ultimatum“, nennt Brandis Frau Hasse bereits liebe Mutter, die Verlobung erfolgte 2 Tage zuvor in Hamburg, die Hochzeit am 11. Januar 1867 in Bonn. Katharina verbrachte dann einige Wochen in London - vermutlich auch, um ihre englischen Sprachkenntnisse noch zu vervollkommnen, nach der Rückkehr verließ das Paar am 17. Februar Bonn, um über Paris nach Marseille und von dort per Schiff weiter nach Bombay zu reisen. Hier war die Fahrt aber keineswegs beendet. Mit der Eisenbahn fuhren sie nach Nagpur, mit dem Pferd ging es weiter nach Jublepore, von hier mit der Eisenbahn nach Allahabad. Hier trennten sich ihre Wege. Nach der längeren Abwesenheit von Indien warteten viele berufliche Verpflichtungen auf Dietrich Brandis. So fuhr er allein weiter nach Calcutta, während Katharina bis zum Mai bei Freunden in Agra blieb. Für Katharina bedeutete dies: schon von Anbeginn ihres gemeinsamen Lebens mit Dietrich musste sich die junge Frau daran gewöhnen, oftmals und dann auch für längere Zeit ihr Leben ohne ihren Gatten alleine oder mit Freunden zu verbringen. Im Mai reiste das Ehepaar nach Simla, ihrem ersten Wohnort.

Nicht selten begleitete Katharina ihren Mann auf seinen Reisen und lernte auf diese Weise viele Gebiete des großen Landes kennen. Seit ihrer Ankunft in Indien hielt Katharina die Eindrücke, die die so unterschiedlichen Landschaften auf sie machten, in Aquarellen, Zeichnungen und Gemälden fest. Besonders intensiv aber beschäftigte sie sich mit den Blumen und Bäumen des Landes. Im ersten Winter lebte Katharina bei Freunden in Ranchi, Calcutta, Allahabad und Dehli.

1868 bereiste sie alleine die Gegend um Simla, begleitete dann ihren Mann von November bis zum März 1869 nach Kangra, Lahore, Sind, Bombay und Dehli.

Am 22. September 1869 kam das erste Kind Cecilia Katharina in Simla zur Welt. Im November 1870 reiste die Familie nach Lahore. 1870/71 erkrankte Sir Dietrich sehr schwer, war sogar einige Tage ohne Bewusstsein und konnte sich danach nur schwer erholen. Zur besseren Genesung reiste er mit seiner Familie zu einem Aufenthalt nach Europa. Auf der Überfahrt erkrankte auch Katharina lebensgefährlich. Über Brindisi, Bologna und Florenz erreichten sie Bonn am 12. März 1871, am 20. März wurde das zweite Kind, Joachim geboren. Danach war ihr Gesundheitszustand monatelang so schlecht, dass mit ihrem Überleben kaum noch zu rechnen war. Erst 1872 erholte sie sich langsam wieder. Dietrich vermerkt in der Hausbibel, in der er die wichtigsten Ereignisse seiner Familie einzutragen pflegte:

„Käthchen war bis zum Skelett abgemagert und hoffnungslos aufgegeben. Ende des Jahres genas sie in Godesberg auf wunderbare Weise.“

Dietrich arbeitete inzwischen in London, dorthin folgte ihm Katharina, sie wohnten gemeinsam in Richmond. Am 18. März 1873 wurde hier das dritte Kind, die Tochter Caroline, geboren. Im April erkrankte das erstgeborene Töchterchen Cecilie sehr schwer an einer Scharlachinfektion, die es zur großen Traurigkeit seiner Familie nicht überlebte. Cecilie starb am 5. Mai 1873 in Richmond und wurde dort auch beigesetzt. Im März 1874 konnte Dietrich sein Werk „Die Forstflora“ beenden. Das Ehepaar kehrte ohne die beiden Kinder nach Indien zurück und erreichte Bombay am 03.04.1874. Bis zum August blieben sie zunächst in Calcutta.

Ich habe bisher in schneller Reihenfolge nur die wichtigsten Daten aus dem Leben der jungen Katharina herausgegriffen und wiedergegeben. Wenn man aber darüber nachdenkt, welche weitreichenden Ereignisse und Erlebnisse - freudige aber auch sehr besorgniserregende und traurige - das Leben der erst 33jährigen jungen Frau in den ersten 7 Jahren ihrer Ehe bestimmt haben, dann macht das schon sehr nachdenklich. Wie schwer mag allein die Entscheidung - vor allem auch für die junge Mutter - , gewesen sein, die nun gerade ihr erstgeborenes Mädchen begraben musste - die beiden anderen Kinder, Joachim und Caroline, in Europa zurückzulassen? Die Kinder blieben bei Verwandten in Godesberg und wurden dann im Internat erzogen.

Was geschah nun weiter in Indien? Katharina begleitete ihren Mann von September bis November 1874 in die Gebirgswelt des Himalaja, dann nahm das Ehepaar in Dehra Dun seinen zweiten Wohnsitz. Am 15. Januar 1875 wurde in Dehra Dun das vierte Kind, Bernhard Friedrich, der Vater meines Mannes, geboren. Je nach Jahreszeit wohnte Katharina in der folgenden Zeit dann abwechselnd in Simla oder Dehra Dun, zeitweise auch in Mahassoo, oberhalb von Dehra Dun.

1876 unternahm sie einige Reisen, zumeist in die Gegenden, die von Simla aus erreichbar waren, viele ihrer Aquarelle stammen aus dieser Zeit.

Am 25. März 1877 wurde das fünfte Kind geboren, Maria Dorothea. Da Dietrich erneut schwer erkrankte, zog das Ehepaar im Juni von Simla nach Mahassoo, hier hielt sich Katharina auch 1878 häufig auf.

1879 erkrankte Maria Dorothea nach einem Sturz an einer Knochenhautentzündung, nur ein Klimawechsel schien noch Rettung zu bringen, so reiste Katharina nach Europa. Zwischen Bombay und Aden aber starb das kleine Mädchen und wurde im Meer bestattet. Von Bonn aus unternahm Katharina dann einige Reisen, unter anderem nach Aachen und Nassau, widmete sich vor allem aber ihren Kindern Joachim und Caroline, die ja in Deutschland zurückgeblieben waren. Besonders erfreut war natürlich auch Katharinas Mutter, ihre Tochter wieder für einige Zeit um sich zu haben. Am 19. Oktober 1879 kehrte Katharina nach Simla zurück.

Den Winter 1879/80 verbrachte Katharina mit ihrem Mann in Calcutta, Darjeeling, Rangoon, Prome und Thoungzay. Am 3. März 1880 kehrte sie nach Simla zurück, wo ihr Sohn Bernhard zurückgeblieben war.

Am 29. August 1880 wurde das sechste Kind, Martin Gerhard in Simla geboren. Am 13. November 1880 kam dann der endgültige Abschied von Simla, Katharina trat mit ihren beiden Söhnen die Heimreise nach Deutschland an. Aus ihren datierten Aquarellen ist zu entnehmen, dass Katharina sich 1882 noch einmal in Indien aufhielt, und zwar in Conoor und Madura.

Nach seiner Zurruhesetzung kehrte im Februar 1883 auch Dietrich Brandis für immer nach Europa zurück.

In den folgenden Jahren lebte das Ehepaar Brandis abwechselnd in Bonn, Kaiserstraße 21 und im Caple Haus in Kew Gardens in London, wo Dietrich Brandis an seinem Hauptwerk „The Indian Trees“ arbeitete. Zudem war er beruflich häufig auch in anderen Gegenden Europas unterwegs.

Am 26. März 1887 wurde in Bonn das siebte Kind geboren, Rudolf Johannes.

In Bonn widmete sich Katharina der Erziehung ihrer Kinder, führte aber auch ein bekannt gastfreundliches Haus, in dem sich interessante und in der Welt bekannte Persönlichkeiten trafen. Der Musik war sie sehr zugetan. Vor allem aber darf nicht vergessen werden, dass sie sich intensiv in der Wohlfahrtspflege engagierte. Für dieses besondere Engagement war sie im übrigen auch schon während ihres Aufenthaltes in Indien bekannt.

Schicksalsschläge blieben ihr auch in den Bonner Jahren nicht erspart.

1898 starb nach einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung mit erst 18 Jahren der Sohn Martin.

1906 verließ Sir Dietrich Brandis London für immer. Seine Gesundheit war deutlich beeinträchtigt. Am 28. Mai 1907 starb er im Alter von 83 Jahren und wurde auf dem Alten Friedhof in Bonn beigesetzt.

Aquarelle aus den folgenden Jahren belegen, dass sich Katharina zur Erholung mehrfach in der Schweiz aufhielt, in Belgien bei dem bekannten Botaniker zu Gast war und auch Gerolstein häufiger besuchte.

Katharinas Sohn Joachim fiel in den ersten Tagen des ersten Weltkrieges.

Besonders schwer traf sie der Tod ihres Sohnes Rudolf am 20. Juni 1916, eines musikalisch hochbegabten 29jährigen jungen Mannes. Rolf - wie er genannt wurde - hinterließ bereits eine größere Anzahl anerkannter Kompositionen. Ursache seines Todes war eine Tuberkulose, aus diesem Grund hielt er sich bei seinem Tod in der Schweiz auf.

Auch den Tod ihrer Tochter Karoline am 17. September 1928, die Diakonisse geworden war, musste sie noch erleben, einzig ihr Sohn Bernhard konnte sie zum Friedhof begleiten, als sie am 14. November 1928 im Alter von 87 Jahren starb und neben ihrem Mann auf dem Alten Friedhof in Bonn bestattet wurde.

Ursula Brandis